Die Islamisierung Kreuzberg’s

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Es ist so weit, der Westteil von Berlin-Kreuzberg wurde wieder entdeckt.Aber von wem? Ein lesenswerter Artikel der Berliner Morgenpost.

Nach dem Mauerfall galt der Ostteil bei Kreativen zum Wohnen und Arbeiten als schick. Nun zieht es viele wieder in den Westteil.

 

Es sollte eine “kreative, schöne Umgebung” sein, die sich Karla Freyenberg als neue Heimat wünschte – und die sie vor drei Monaten in Berlin fand. Freyenberg kam mit ihrem kurdischen Freund Ayhan Özmer aus Istanbul in die Hauptstadt. Eigentlich nichts Besonderes. Doch Karla und Ayhan sind Teil einer neuen Wanderungsbewegung. Menschen, die es nicht mehr in die Szene-Quartiere in Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Mitte zieht, sondern nach Kreuzberg. In den Bezirk, aus dem sich jahrelang die linken Schlachtenbummler des 1. Mai rekrutierten und der als eines der Verliererquartiere nach dem Mauerfall galt. Als viele plötzlich in den Osten Berlins strömten, weil dieser viel angesagter als der Westen war.Mittlerweile logieren viele Werber, Selbstständige und Modemacher nicht mehr im Simon-Dach-Kiez oder im Umkreis des Hackeschen Marktes, sondern wieder in Kreuzberg. Karla Freyenberg und Ayhan Özmer sind zwei von ihnen. Özmer lebte mit Freyenberg, die aus Berlin stammt, bis August in Istanbul. Dort betrieben sie eine kleine Schneiderei und ein Entwurfsatelier für moderne, orientalisch inspirierte Mode.

Kreuzberg lockt mit günstigen Mieten

Genug Geld für ein passables Leben im teuren Istanbul verdienten sie damit aber nicht. Als Freyenberg von Berlin erzählte, dass die Mieten dort günstiger seien und das kreative Umfeld größer, entschloss sich Ayhan für den Umzug mit Karla nach Berlin. Dort beraten sie mittlerweile zwei “Underground-Modelabels”. Statt älteren Herren das Maß für Sakkos abzunehmen, sticken beide nun “islamisch geprägte Ethnologos” auf Designer-Jeans.Das Paar wohnt an der Skalitzer Straße. Leben oder Arbeiten im Ostteil Berlins zogen sie nicht in Betracht. Für beide kam nur Kreuzberg infrage. “Über den Ort hat Karla schon in Istanbul viel erzählt, und wie leicht das Zusammenleben der Kulturen dort ist. Deshalb gab es eigentlich gar keine Wahl”, sagt Ayhan, während er an einem Tee mit Minze nippt.

Wie Ayhan Özmer zieht es auch andere Kreative ins bunt-alternative Kreuzberg. Vergessen scheint die grenzenlose Euphorie, die die Ostbezirke nach dem Mauerfall erfuhren. Zwar entstehen in Mitte und Prenzlauer Berg immer noch die schicksten Läden. Aber nicht wenige hat der Hype um die neuen Szene-Bars und Restaurants wie das “Tausend”, “Crush” oder den “Grill Royal” rund um die Friedrichstraße bereits ermüdet. Sie sehnen sich nach einfachen Läden. Wo nicht gleich ein Regisseur oder Schauspieler am Nachbartisch sitzt und wo man deshalb seinen Kaffee oder Wein etwas entspannter trinken kann.

Und es sind nicht nur Zugereiste wie Freyenberg und Özmer, die das so sehen, sondern immer öfter auch Menschen, die im Ostteil wohnen. Schauspielagentin Claudia Fehrenbach etwa. Die 40-Jährige arbeitet zwar im angesagten Theaterviertel in Mitte und wohnt in Friedrichshain, aber die “etablierten Trampelpfade im Osten” haben für sie an Reiz verloren. “Zum Sehen und Gesehenwerden ist Mitte zwar in, aber Kreuzberg ist an vielen Stellen einfach kuscheliger”, sagt die Selbstständige. Statt ins “Grill Royal” geht sie nun auch mal ins “Kirk” an der Skalitzer Straße oder in die “Osteria Uno” an der Bergmannstraße. Läden, die man auch ungestylt aufsuchen könne und wo es “einfach authentischer” zugehe als in Mitte. Da ist sie wieder: die Sehnsucht der Kreativen nach Ungekünsteltem und Morbidem, dem Ort, wo alles etwas weniger perfekt ist. SO 36 bietet davon viel.

Aber es sind auch ganz praktische Gründe, die das alte Westberliner Quartier wieder attraktiv machen. Im Vergleich zu Mitte oder Prenzlauer Berg ist das Wohnen oder Anmieten von Gewerberäumen in Kreuzberg mitunter spottbillig. Den Quadratmeter Büro gibt es dort schon für weniger als fünf Euro, in Mitte dagegen selten unter 15 Euro. Bei Wohnungen sieht es ähnlich aus. Die Warmmieten sind in Kreuzberg oft zwei bis drei Euro billiger. “Hier gibt es riesige große Atelierwohnungen, Bürolofts, Parkplätze, wunderschöne Höfe und ein entspanntes Drumherum zu bezahlbaren Preisen”, sagt Frida Weyer, die in einem Gewerbehof an der Görlitzer Straße seit 2006 das Modebüro der Fashion Patrons leitet, einem Netzwerk für Jungdesigner.

Profiteur der neuen Entwicklung ist vor allem das Gebiet zwischen Schlesischer und Görlitzer Straße in SO 36. Wo 1988, als die Weltbank und der Internationale Währungsfonds in Berlin tagten, Autonome und Polizisten Straßenschlachten führten. Schlachten werden heute keine mehr geschlagen. Viele Alt-68er haben ihre einst besetzten Wohnungen zu schicken Altbaudomizilen aufpoliert, und die Mai-Demos sind zum sinnentleerten Ritual pubertierender Steinewerfer geworden, das eigentlich niemanden mehr wirklich aufregt.

Die linke Gewalt scheint gebannt

Selbst als McDonald’s im Sommer an der Skalitzer Straße einen Fastfoodladen eröffnete, blieb es erstaunlich still. Zwar flogen ein paar Farbbeutel, auch gab es Drohungen, den Laden niederzumachen, aber viel mehr passierte nicht. Noch vor einem Jahrzehnt wäre der Schnellimbiss wohl in Flammen aufgegangen. So wie 1987, als Autonome am 1. Mai einen Bolle-Markt in Brand setzten. Heute wird eher um leere Läden gerangelt, in die eine neue Bar oder ein Café einziehen soll. Denn Ladenflächen sind sehr begehrt.Am stärksten ist der Wandel rund um das Schlesische Tor zu spüren. Wenige Meter weiter verlief bis 1989 die Sektorengrenze. Viele Arbeitslose, Rentner, Studenten und Kriegsdienstverweigerer vor allem aus dem Süden der alten Bundesrepublik prägten das Quartier. Man hatte sich eingerichtet. “Es war ein bisschen wie ein Wohnzimmer, dessen Möblierung seit Jahrzehnten nicht mehr ausgetauscht wurde”, sagt Werbefilmer Patrick de Castelballac, der nahe der Bar “Heinz Minki” wohnt, wo bis 1989 Westberlin endete. Nun ist es dort mit der Ruhe vorbei. Vor allem an Wochenend-Abenden strömen Pulks ausgehfreudiger Menschen über die Oberbaumbrücke oder die Puschkinallee nach Kreuzberg. Leute, die Friedrichshain satthaben und Anderes erleben wollen. Schließlich gibt es dort die angesagtesten Cafés und Clubs wie das “103″ oder das “Lido”, die vor allem junge Besucher anlocken. In der Nähe werben gleich drei Hostels um Gäste. Übernachtung ab elf Euro. Berlin-Kreuzberg kann günstig sein.

Wieviele Menschen in den vergangenen Jahren von anderen Ortsteilen nach Kreuzberg zurückzogen, ist nicht dokumentiert. Aber dass es ein “Revival” gebe, sagen selbst Quartiersmanager. Sie haben aber auch Angst, dass es S0 36 so ergehen könnte wie einigen Gegenden im Ostteil. Wo erst die großen Major Labels und Coffeeshop-Ketten kamen und dann die Mieten stiegen. Und wo es zwar viele gestylte Flagshipstores und Hochglanzmessingschilder an Haustüren gibt, aber nicht den “urban turf” aus verschiedenen Migrantenszenen, den viele Kreative und Selbstständige so sehr an Kreuzberg schätzen.

Am nördlichen Ende Kreuzbergs liegt der Club Spindler & Klatt. “Die Gegend ist einfach cool, mittendrin und erfindet sich gerade neu, ganz ohne Hype”, sagt Betreiber Jesko Klatt. Seine Gäste sehen das wohl ähnlich. Jüngst feierte in seinem Club Modemacher Roberto Cavalli mit Dutzenden Models. Noch vor Jahren hätte die Party in Mitte oder Friedrichshain stattgefunden.

Aus der Berliner Morgenpost vom 3. Dezember 2007

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